Street Chic
Exclusive Personal Shopper London
Shop-Therapie
Von Eva Busse; Aus der FTD vom 21.1.2005
Wer selber keinen Kleidungs-Geschmack hat, kann sich welchen mieten. In London
bieten Personal Shopper ihre Dienste als Stilberater an.
Germans? Oh, absolutely!", schnaubt Nigel: "Niemand braucht persönliche Einkäufer mehr als deutsche Männer." Der gerade eben neu eingekleidete Londoner Investment Banker legt los: Die Deutschen seien verrufen in der City, niemand ziehe sich schlimmer an. "Warum verstehen sie den simplen Grundsatz nicht: 'There is no brown in town'?", echauffiert er sich. Im Finanzdistrikt gelte: Niemals braune Anzüge, niemals beige Hemden, niemals brünette Schuhe. "Und keine Hemden mit runtergeknöpftem Kragen!" Nigel hat gut reden - jetzt, da sein Kleiderschrank voll ist von gutem Geschmack. Nigel war gerade zum zweiten Mal mit Camilla Yonge, einer professionellen Einkäuferin, shoppen. Diesmal war das wichtigste Objekt ein Regenmantel. "Dunkelblau. Einfach. Aber elegant. Und endlich mal kein Ralph Lauren", gibt er an. In zwei Monaten will Nigel wieder auf Tour gehen mit ihr. "Für die Frühjahrskollektion." Der Service von Camilla Yonge ist simpel: Sie geht mit ihren Kunden Geld ausgeben. Das Gewerbe der "Personal Shopper" hat sich vor wenigen Jahren zuerst in Amerika aus der Superstar- und Superluxusszene heraus entwickelt. "Einkaufen ist eine Kunst und eine Wissenschaft", heißt es etwas umständlich im Katalog der Personal-Shopping-Firma Global Image: "Die wissenschaftliche Seite verlangt, dass Sie strategisch vorgehen und Ihren Stil mit Investitionskäufen unterstreichen. Es geht darum, kosteneffektive Einkaufstechniken zu entwickeln." In London bieten mittlerweile nicht nur gehobene Kaufhäuser wie Harrods oder Harvey Nichols Profishopping an. Es gibt auch immer mehr Freiberufler wie Camilla Yonge, die mit und für ihre Kunden statt in einem Kaufhaus in der ganzen Stadt einkaufen. Auf Wunsch noch darüber hinaus: Die Einkäuferin Rita Cherfan fliegt für einen Mindesttagessatz von 700 Pfund auch nach Paris und New York. Wo geshoppt wird, bestimmt das Budget des Kunden. Um die peinliche Frage zu vermeiden, wieviel er für zwei Hosen ausgeben kann, fragt Camilla Yonge, wo er normaler Weise kauft: "Das sagt alles." Es sei jedoch beigemerkt, dass ihr letzter Kunde 7000 £ in Textilien investierte. Als blonde Frau an seiner Seite zieht sie los, führt ihn in die richtigen Geschäfte, beschützt ihn vor aggressiven Verkäuferinnen, reicht ihm Stücke in die Umkleidekabine und guckt durch den Vorhangsschlitz, ob es passt. Und dann, erzählt der noch immer euphorische Kunde Nigel: "Das beste ist, sie sagt die Wahrheit. Ich hatte keine Ahnung, dass Cordhosen dick machen." Und sie drängelt nicht. "Meine Freunde finden alles gut, damit es schnell weitergeht." Die Einkäuferin dagegen hat alle Zeit der Welt: Schließlich wird ihr Schönheitssinn stundenweise bezahlt - egal, wieviel der Kunde kauft. 75 £ kostet die Einkaufsstunde; für 200 £ gibt es den halben Tag, für 400 £ den ganzen. Der Forschungsaufwand davor, die Recherche in Modejournalen, auf Messen und in der Londoner Szene ist inklusive. Vollendet wird das Angebot mit der von Yonge höflich als "Garderobenredigatur" umschriebenen Ausmistung des Kleiderschranks. Vier bis fünf Stunden veranschlagt sie für ihre Hausbesuche, von denen die Altkleidersammlung großzügig profitiert. Yonge stellt klar, dass sie niemanden verändern will. "Ich bin keine Stylistin, die ein völlig neues Image verpasst." Wenn sie dem Banker das Braun ausredet, dann nur, weil das sein Bankerimage hebt. Kommt ein Mann privat, will er jedoch meist Wochenendklamotten kaufen. "Die meisten sagen: Ich hasse shoppen. Ich weiß nicht, was mir steht. Aber ich habe eine neue Freundin." Andere sind geschieden, stecken in der Midlife-Crisis und wollen sich in den Rest des Lebens mit ein paar Designerpullis stürzen. Solche Männer ziehen am liebsten durch die Boutiken. Ihnen mutet Yonge maximal fünf Geschäfte an einem Tag zu, Frauen schaffen acht. Rita Cherfan ist auf Kunden aus dem Nahen und Mittleren Osten spezialisiert. Die tigern mit ihr wenn’s sein muss durch ganz Notting Hill, um den richtigen Gürtel von Dolce und Gabbana zu finden. "Niemand ist mode- und markenversessener als die Libanesen." Für eine Toblerone-Party in Dubai musste sie eine Riesenladung Schokolade einkaufen. Hat sie ihre Kunden kennengelernt, zieht Camilla Yonge auch alleine los. "Das ist einfacher für beide", sagt sie. Sie bringt die Einkäufe nach Hause, was nicht gefällt, wird umgetauscht. Am schönsten ist Shopping für Männer eben, wenn sie Daheim bleiben dürfen.
© 2005 Financial Times Deutschland